Warum

wenden wir uns überhaupt der Geschichte der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ zu?

(Aus der Diskussionsgrundlage des Sprecherrates auf der Ordentlichen Mitgliederversammlung am 24.Mai 2014 in Berlin)

Mit Sicherheit hat sich jeder von Euch spätestens diese Frage gestellt, als die Einladung zur heutigen Zusammenkunft auf den Tisch kam.
Schließlich gibt es die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ seit fast einem Vierteljahrhundert gar nicht mehr.

Und wer interessiert sich denn heute überhaupt für diese Schule, ihrer Tätigkeit und deren Entwicklung?

Ganz abgesehen von denen, für die die Existenz der Jugendhochschule Anlass zur Deformierung des Sozialismus, der DDR und der FDJ ist. Auch abgesehen von denen, die das Objekt der Schule meistbietend verhökern wollen und sich nur für die unrühmliche Vergangenheit der noch dort befindlichen Gebäude interessieren.

Für wen also wollen wir die 44jährige Geschichte der Jugendhochschule erschließen?
Reicht es nicht aus, was der Freundeskreis der Jugendhochschule bisher gemacht hat,  sich jährlich am Bogensee zu treffen, den fortschreiten  Verfall des Objekts zur Kenntnis zu nehmen und sich dann zum Üdersee zurückzuziehen, um zu feiern und Erinnerungen auszutauschen.

 Das reicht uns nicht. Wir sind der Auffassung, die Geschichte der Jugendhochschule hat mehr zu sagen als nur Erinnerungen auszutauschen oder weiter zugeben.

Nach unserer Auffassung gibt es mehrere Gründe, sich für die Aufarbeitung der Geschichte der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ zu entscheiden. Wenn wir jetzt ein paar Gründe nennen, so erhebt das keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Wir gehen davon aus, dass die Aufarbeitung der Geschichte der Jugendhochschule eine wichtige Seite der Selbstverständigung über unsere eigene Geschichte ist, unserer zum Teil jahrelangen Tätigkeit an dieser Einrichtung mit erheblichen Wirkungen auf das nachfolgende Leben.

Eine realistische und kritische Aufarbeitung der Geschichte der höchsten Bildungsstätte der FDJ und Ausbildungseinrichtung für Mitglieder zahlreicher Jugendorganisationen aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa vermittelt möglicherweise Erkenntnisse und Erfahrungen für nachfolgende Generationen.
                                                                                              
Aus keinem anderen Grund hat es sich die ehem. finnische Studentin Kirsi zur Aufgabe gemacht, einen Film über die Jugendhochschule zu drehen. Auf das Ergebnis sind wir alle gespannt.

Wir sollten nicht ausblenden, dass wichtige Zeitzeugen in die Jahre gekommen sind.                                                                                                 
Deren Wissen und Quellenmaterialien sind wichtige Zeitdokumente, die nicht verloren gehen dürfen.
Leider beginnen wir sehr spät, um nicht zu sagen zu spät, die Geschichte der Schule aufzuschreiben. Es gibt  bereits unwiederbringliche Verluste.

Vor einigen Wochen besuchten wir Heinz Keßler, den letzten noch lebenden Mitbegründer unserer FDJ und denjenigen, der gemeinsam mit Erich Honecker das Objekt Bogensee als künftigen Standort der Jugendhochschule ausgesucht hat.
Für uns war diese Begegnung ein Erlebnis. Heinz Keßler sprach anschaulich über seine Desertation aus der faschistischen Wehrmacht, seine Begegnungen mit Wilhelm Pieck, die Gründung des NKFD, seinen Kampf an der Seite der Rotarmisten gegen die faschistische deutsche Armee, seine Rückkehr nach Deutschland und sein Mitwirken beim Aufbau der FDJ als Sekretär des Zentralrats der FDJ.
Das sind Erfahrungen von unschätzbarem Wert.

Das Gespräch hat uns erneut gezeigt, dass der älteren Generation eine große Verantwortung gegenüber den Heranwachsenden zukommt, dass deren Erfahrungen sowohl positiver als auch negativer Art von Bedeutung sind.

Das heißt nicht, dass heute oder morgen junge Menschen sich dafür interessieren, aber möglicherweise spätere Generationen, wenn auch aus

einem anderen Blickwinkel, denn Sozialismus in unserer gelebten Form wird es nicht wieder geben.
    
Ich möchte daran erinnern, wie sehr wir alle, die hier versammelt sind, von vorangegangenen Generationen gelernt haben. Denken wir doch nur an die zahlreichen Begegnungen mit Veteranen der deutschen und internationalen Arbeiter- und Jugendbewegung.
Oder erinnern wir uns an den Kampf der Seminarkollektive um den Namen eines revolutionären Vorbildes. Sicher kann man heute über das eine oder andere streiten.
Also, wenn wir`s  ernst meinen mit unserem Slogan:   es geht um unsere Jugendhochschule und nicht um die, wie sie in den bürgerlichen Medien dargestellt wird, dann müssen wir handeln.
        
Wir empfehlen der Mitgliederversammlung, den Arbeitskreis in:

Arbeitskreis Geschichte der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“

umzubenennen. Die Umbenennung bringt, so meinen wir, das Anliegen welches wir in Angriff nehmen, direkter und konzentrierter zum Ausdruck.