Meine Erinnerungen an Wilhelm Pieck

Meine Erinnerungen an Wilhelm Pieck

von Kurt Andrä

Ausführungen im Rahmen einer Festveranstaltung zum 64. Jahrestag der Gründung der DDR am 5.Oktober 2013 im DDR-Kabinett im Bochum

Mein kurzer Steckbrief lautet:
Name: Kurt Andrä – Baujahr 1928 – erlernter Beruf: Maschinenschlosser
Ausbildung in der DDR: Studium an der Akademie für Staats- und Rechtsfragen,
Abschluss als Dipl.-Staatsrechtler, leitende Funktionen in der Partei und im Staatsapparat


Meine Erinnerungen gehen an diesen Jahrestagen der Gründung der DDR zurück in die fünfziger Jahre.

Als gerade mal 21jähriger junger Genosse wurde ich Mitarbeiter unseres ersten Arbeiterpräsidenten in Deutschland, unseres hochverehrten Genossen Wilhelm Pieck – in seiner Präsidialkanzlei im Schloss Berlin-Niederschönhausen.

Ich möchte Euch nichts über seinen Lebenslauf erzählen, was in guten Büchern besser beschrieben ist, als ich es tun kann.

Ich möchte Euch ganz einfach Erlebnisse schildern, die sich mir eingeprägt haben und so wohl am besten Auskunft geben können über den Menschen Wilhelm Pieck, seine Verbundenheit mit den Bürgern, besonders der Jugend und den Kindern, seine Bescheidenheit und seine Disziplin, der nichts vorgegaukelt hat und immer ein offenes Herz für die Menschen hatte.
So möchte ich am 64. Jahrestag der Gründung der DDR den Kommunisten Wilhelm Pieck würdigen.

Im Januar oder Februar 1950 wurde ich, der Maschinenschlosser aus dem Berliner Glühlampenwerk, nichtsahnend, in die Kaderabteilung des Zentralkomitees der SED bestellt. Ich war in die Auswahl genommen, bei Wilhelm Pieck – in seiner Kanzlei – arbeiten zu dürfen. Mitte März war es so weit, wo ich meinen Dienst antrat.

Ich wurde einer der Korrespondenten, der die an den Präsidenten gerichtete Post bearbeitete. Täglich wandten sich viele Bürger unseres Landes mit ihren Anliegen, Hinweisen, Erklärungen aller Art, vor allem schriftlich, an den Präsidenten. Die Flut von Briefen ist sicherlich als Ausdruck des Vertrauens gegenüber Wilhelm Pieck zu werten, das die Bürger ihrem „Landesvater“ entgegenbrachten.

Zweimal am Tag kam der Briefträger ins Schloss und brachte in riesigen Säcken die Post. Die Eingaben reichten vom Antrag auf eine neue Wohnung, die Beantragung einer Gewerbegenehmigung, oder eines Bezugsscheins für Babywindeln, bis dahin, sich dafür einzusetzen, dass der Ehemann früher aus der Kriegsgefangenschaft entlassen werden soll. Einfallsreiche „Erfinder“ beschwerten sich, dass ihr „Perpetuum mobile“ nicht als Patent registriert wurde.

Die Aufgabe der Korrespondenten bestand in der Sichtung und Auswertung der Eingaben, der Veranlassung zur Bearbeitung durch die jeweils zuständigen staatlichen Organe, in der Analyse der Eingaben und der Kontrolle ihrer Erledigung. Regelmäßig mussten wir darüber dem Präsidenten berichten. In die Bearbeitung zahlreicher Vorgänge schaltete er sich selbst ein.

Dazu empfing Wilhelm Pieck auch persönlich zahlreiche Bürger in seiner öffentlichen Sprechstunde. Neben vielen älteren klassenkampferfahrenen Genossen – unter ihnen der Kommunist und Angehöriger des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, Otto Winzer (dem späteren Außenminister der DDR), dem ehemaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten Max Opitz – gehörte ich neben anderen jungen Genossen zu den Lernenden in der Präsidialkanzlei von Wilhelm Pieck.
Die Tätigkeit in der unmittelbaren Umgebung von ihm und den alten Genossen war eine besondere Schule von kommunistischer Erziehung für mich. Sie hat mich geprägt und mein Leben bis heute bestimmt. Viele Erlebnisse und Begebenheiten sind mir im Gedächtnis geblieben, an die ich gerne und mit großer Hochachtung an unseren Wilhelm, wie ihn liebevoll die Menschen nannten, denke.

Genosse Wilhelm Pieck war Mitglied der SED-Betriebsparteiorganisation in der Präsidialkanzlei und nahm regelmäßig an den Versammlungen unserer Grundorganisation teil. Einmal geschah es, dass er zu einer Versammlung verspätet erschien. Jeder Genosse wusste, dass er an diesem Abend dienstliche Verpflichtungen als Staatspräsident zu erfüllen hatte. Nachdem er den Saal betrat, setzte er sich leise, weil ein Genosse gerade sprach. Er nahm auf einem Stuhl in den hinteren Reihen Platz. Er wartete die Pause ab, meldete sich dann zu Wort, um sein Zuspätkommen zu erklären und sich dafür zu entschuldigen. Diese kleine Szene war typisch für seine Disziplin und die Achtung gegenüber seinen Genossen.

Besondere Liebe und Fürsorge zeigte Wilhelm Pieck gegenüber den Kindern. Das drückte sich in der Behandlung von Kinderbriefen an ihn aus,  ebenso in seinem persönlichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen, aus. In regelmäßigen Abständen empfing der Präsident Kinderdelegationen aus vielen Einrichtungen, aus Schulen und auch aus der Pionierrepublik „Wilhelm Pieck‘“ am Werbellinsee sowie Vertreter der Jugendhochschule der FDJ am Bogensee, die ebenfalls seinen Namen trug.

Herzerfrischendes, unbekümmertes Kinderlachen erfüllte dann die sonst so würdigen Räume im Schloss Niederschönhausen. In jedem Jahr wurden die Kinder der Mitarbeiter seiner Kanzlei zum Weihnachtsfest eingeladen. Es war immer ein erlebnisreicher Nachmittag für die Kinder bei Pfefferkuchen und Kakao. Natürlich erhielt jedes Kind einen bunten Teller und ein kleines Geschenk. Der Rupprecht, der Weihnachtsmann, der Nikolaus oder Väterchen Frost – alles in einem war ich. Strahlende Kinderaugen sahen auf die allen bekannten Märchenfiguren, wie Hänsel und Gretel, die Hexe, Schneewittchen u. a., die von den jungen Mitarbeitern der Kanzlei verkörpert wurden und Märchenszenen spielten. Und wenn vor Aufregung ein Kind mit dem Kakao kleckerte, hatte unser Wilhelm sein Taschentuch bei der Hand, um den Schaden zu begrenzen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich die Kinder bei einer der Veranstaltungen aufforderte, gemeinsam ein Weihnachtslied zu singen. Unser Wilhelm Pieck rief in den Saal: „der Weihnachtsmann kann es uns doch erst einmal vorsingen.“ Natürlich hatte den Beifall der Präsident, der Gastgeber! – und ich musste singen.

Ich würde mir wünschen, dass diese damaligen Kinder, die irgendwann einmal Gäste von Wilhelm Pieck waren (und nicht nur sie), sich heute an ihre unbeschwerte, glückliche Kindheit, die sie in der DDR verlebten, gerne zurück erinnern.

Der Präsident der DDR übernahm Ehrenpatenschaften bei der Geburt des 5. Kindes einer Familie. Ich weiß nicht mehr, die wievielte hundertste Patenschaft es war, wo ich den Auftrag hatte, die persönliche Übergabe seines Patengeschenks, diesmal an die Familie eines Arbeiters aus dem Berliner Bremsenwerk, vorzubereiten und den Präsidenten dabei zu begleiten.

Zur damaligen Zeit gab es für den Staatspräsidenten bei solchen Gelegenheiten keine roten Teppiche, das Protokoll war bescheiden und Sicherheitsabsperrungen kannte man zu dieser Zeit auch noch nicht. Sie waren für Wilhelm Pieck auch nicht nötig.

Als unser Präsident die Treppe des Hinterhauses in der Holteistraße (in der Nähe des Berliner S-Bahnhofs Ostkreuz) empor stieg, kam ihm der Briefträger entgegen. Der Postbote blieb wie versteinert stehen, er war nicht mehr der Jüngste und verrichtete sicherlich schon als Postbeamter zu früheren Zeiten diese Tätigkeit. Nachdem er sich von seinem Schock erholt hatte, fragte er, um auch sicher zu sein: „Das kann doch nicht möglich sein! Wilhelm Pieck? Unser Präsident?“ Wilhelm reichte ihm die Hand und ging nicht weiter, ohne sich bei ihm über die Arbeit und nach seiner Familie zu erkundigen. Als wir nach dem Besuch der Familie das Haus in der Holteistraße verließen, warteten nicht nur der Briefträger vor der Tür, sondern mit ihm einige Dutzend Bewohner der Straße, die durch den Postboten vom Präsidentenbesuch erfahren hatten. Viele Hände musste Wilhelm Pieck schütteln und eine Menge guter Wünsche entgegen nehmen, bevor wieder davon fahren konnten.
Diese zufälligen Zaungäste waren nicht handverlesen oder als Claqueure von der Presse bestellt wurden.

Wie sehr Wilhelm Pieck  auf seinen Beruf als Tischer stolz war, wurde mir deutlich, als er mir anlässlich einer Berichterstattung über den Stand der Bearbeitung von Eingaben sein selbst angefertigtes Gesellenstück – einen Hobel – zeigte. Er verwahrte ihn neben anderen Tischlerwerkzeugen in einem Schubfach seines Schreibtischs. Unser Präsident, der damalige Tischlergeselle, ist immer einfach geblieben, er fühlte sich jederzeit mit den arbeitenden Menschen verbunden.

Für Wilhelm Pieck gab es keine Isolation, er war einer von uns. Seine Bescheidenheit und Herzensgüte hatte er sich immer erhalten. Es war für ihn selbstverständlich, dass er seine Mittagsmahlzeit mit seinen Mitarbeitern gemeinsam in unserem bescheidenen Kasino in der Präsidialkanzlei einnahm. Jeden Freitag kam ein neuer „Augenzeuge“ der DEFA-Wochenschau heraus. Das war so eine Art Rückblick auf das politische Geschehen der Woche. Diesen Filstreifen sah sich Wilhelm Pieck regelmäßig an.

Im Schloss war ein kleiner Vorführraum eingerichtet worden, er hatte etwa 25 Plätze und wurde auch für Versammlungen und Beratungen genutzt. Zu diesen Filmvorführungen konnte von der Belegschaft kommen, wer Zeit und Lust hatte. Keiner war ausgeschlossen, weder der Gärtner noch die Küchenfrau.

Die FDJ-Gruppe „Katja Niederkirchner“ in der Präsidialkanzlei war sehr aktiv. Wir nahmen an der Agitationsarbeit der Nationalen Front teil, beteiligten uns an den Arbeiten des Nationalen Aufbauwerks, an Aufbaueinsätzen im Tierpark Friedrichsfelde, besonders aber in der Karl-Marx-Allee, auch zur Vorbereitung der 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin.
Für die Wandzeitung der FDJ-Gruppe brauchten wir – ich weiß nicht mehr, welcher konkrete Anlass es war – einen Artikel und glaubten, dass Wilhelm ihn am besten schreiben könnte. Über Elly Winter, seine Tochter und auch Sekretärin, brachten wir unseren Wunsch an ihn heran. Es dauerte nur wenige Tage, als er mich zu sich bat, mir seinen Wandzeitungsartikel gab und fragte, ob ich so damit einverstanden sei. Das war ohne Frage der Fall. Was mich verblüffte, war die Tatsache, dass der Artikel von ihm, trotz seines engen Zeitplans, von ihm eigenhändig geschrieben war. Und so wurde der handgeschriebene Artikel auch an die Wandzeitung gebracht.

Vom  20. bis 24. Juli 1950 fand der 3. Parteitag der SED statt. Hier wurden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl zu Vorsitzenden des ZK der SED gewählt. Als Wilhelm Pieck danach in den Amtssitz in Berlin-Niederschönhausen kam, wurde er von allen seinen Mitarbeitern im Vestibül des Schlosses herzlich empfangen. Als FDJ-Sekretär hatte ich die Ehre, im Namen aller Mitarbeiter seiner Kanzlei Glückwunschworte an ihn zu richten und einen großen Strauß roter Nelken zu überreichen.

Zu seinem 75. Geburtstag  1951 kamen viele Arbeiter und Betriebsdelegationen, Persönlichkeiten des In- und Auslands zur Gratulation. Sie überbrachten dem bewährten Internationalisten, dem mutigen Kämpfer der Arbeiterbewegung ihre Glückwünsche. Wir, die unmittelbaren Mitarbeiter, überlegten, wie wir ihm zu seinem 75. Geburtstag eine besondere Freude machen konnten und berieten uns deshalb mit seiner Tochter. Sie „verriet“ uns, dass er dringend einen neuen Wintermantel gebrauchen könnte. Es wurde unter den Mitarbeitern gesammelt, ein Mantelstoff, schwarzes Tuch, besorgt und ihm am Geburtstag in einer schönen Verpackung überreicht. Wie er sich darüber freute, wurde uns erst so richtig bewusst, als er eine Gewerkschaftsversammlung benutzte, um sich nochmals bei allen zu bedanken. Im Mantel betrat er den Saal und sagte, dass er sich freue, uns „das gute Stück“ vorführen zu können: „Das ist der Mantel aus dem Geburtstagsstoff, nochmals meinen herzlichen Dank, liebe Genossen und Freunde.“

Die wenigen geschilderten Begebenheiten sollen Beleg sein für die enge Verbundenheit Wilhelm Piecks mit den Menschen seines Landes und seine Herzensgüte.

Für mich sind es bleibende Erinnerungen.

Wilhelm Pieck erkrankte im Februar 1953 schwer, wovon er sich trotz Behandlung und längerer Kuraufenthalte in der Sowjetunion nie mehr richtig erholte. Am 7. September 1960 starb er 84jährig in Berlin.
Für viele Menschen wird er unvergessen bleiben. Sein Name steht in einem engen Zusammenhang mit den Werten der DDR. Er war ein Symbol für Frieden und Antifaschismus in Deutschland.

Unser Präsident wurde im großen Saal im Haus des ZK der SED am Werderschen Markt in Berlin aufgebahrt. Tausende nahmen vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden Abschied von Wilhelm Pieck und erwiesen ihm ihre letzte Ehre. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, am Sarg unseres verstorbenen Präsidenten Wilhelm Pieck Ehrenwache zu halten. Tiefe Trauer begleitete mich, als ich an dem Katafalk herantrat, um mich vor der sterblichen Hütte dieser überragenden Persönlichkeit ein letztes Mal zu verneigen.

Sein Tod hatte eine gewaltige Lücke in die Reihen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung gerissen.
So habe ich Wilhelm Pieck erlebt und so ist er mir als ein hoch verehrter und glaubwürdiger Mensch in Erinnerung geblieben.

Lasst mich bitte noch etwas erwähnen, was Bezug zu Wilhelm Pieck hat. Aus dem Internet könnt Ihr erfahren: „Rund um das Schloss Berlin-Friedrichsfelde leben in Europas größten Landschaftstiergarten wilde Tiere aus der ganzen Welt. Auf rund  160 ha Fläche erstreckt sich der Landschaftstierpark mit weiten Gehegen und vielen Tierhäusern. Der Tierpark wurde im Juli 1955 auf dem Gelände des Schlossparkes Berlin-Friedrichsfelde eröffnet. Heute ist  der Tierpark Friedrichsfeld flächenmäßig der größte Landschaftstiergarten in Europa, rund 8700 Tiere leben hier. Soweit Wikipedia im Internet. Was Wikipedia verschweigt ist, dass der Gedanke und die Anregung, einen solchen Tierpark zu errichten, von Wilhelm Pieck kam. Er wollte, dass eine solche Einrichtung der Erholung, der Entspannung und im weitesten Sinne der Volksbildung, für die arbeitende Bevölkerung, für Jung und Alt, in Berlin geschaffen wird. Zahlreiche volkseigene Betriebe und Einrichtungen sowie die Bevölkerung beteiligten sich an diesem großen Unternehmen mit Spenden und durch tatkräftige Hilfe. Abgesehen davon, dass sich heute eine Familie mit Kindern kaum noch einen  Besuch dort leisten kann (der Eintrittspreis für einen Erwachsenen  beträgt 12 Euro und für ein Kind 6 Euro) gibt es jetzt ein Gerangel um die Auflösung des Tierparks in Friedrichsfelde, weil gewinnsüchtige Spekulanten auf diesem herrlichen Stück Erde beabsichtigen, Eigentumswohnungen zu bauen und sicher nicht für ALG II-Empfänger.

Mit Einverständnis von Kurt Andrä leicht gekürzt.
F. d. R.: Dieter und Ingeborg Luhn